Metzinger Friedenstage mit ergreifendem Dokumentarfilm Das Interesse war beachtlich groß: Rund einhundert Besucherinnen und Besucher sahen am 20. 11. im Metzinger Luna-Kino den Dokumentarfilm "Ein Herz aus Jenin" und nutzten die Chance, mit dem Regisseur Marcus Vetter ins Gespräch zu kommen. Schon traditionell gehört in Metzingen ein Kinoabend zu den Friedenstagen dazu, Dank guter und enger Kooperationen mit dem Stadtjugendring Urach und dem Vorsitzenden Thorsten Hail, den Betreibern des Luna. Zum Motto der diesjährigen Ökumenischen Friedens-Dekade "Mauern überwinden", passte der Dokumentarfilm des Tübinger Filmemachers Marcus Vetter wie kaum ein anderer, denn er beschreibt die wahre Geschichte eines Vaters, der mehr Mauern überwand, als man einem Menschen eigentlich zumuten kann: Ismael Khatib ist ein einfacher Mann aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin. Im Jahr 2005 wird sein 12-jähriger Sohn Ahmed von Kugeln israelischer Soldaten tödlich am Kopf getroffen, weil die Spielzeugpistole des Jungen für echt gehalten wird. Ahmed ist aufs Schwerste verletzt, sein Herz schlägt noch - aber die Ärzte können ihm nicht mehr zurück zum Leben verhelfen. Schließlich entscheidet der Vater zusammen mit seiner Frau, Organe seines Sohnes israelischen Kindern zu spenden um deren Leben zu retten. Vier schwerstkranke Kinder in Israel kommen so zu einer lang ersehnten Transplantation.
Es sind gleich mehrere und auf den ersten Blick absolut unüberwindbare Mauern, die am Anfang dieser Geschichte und des Filmes stehen: Da ist die grundsätzliche Frage an die Eltern, ob sie es wollen und mittragen können, dass Organe aus dem Körper ihres geliebten Kindes entnommen werden. Da ist die religiöse Frage nach dem Willen des Schöpfers und seinem Einverständnis mit solchen chirurgischen Eingriffen in das Leben. Und da ist in Israel die Frage nach dem Umgang mit Freund und Feind. Ausführlich berät sich der Vater Ismael Khatib mit dem Mufti und anderen Autoritäten aus Jenin. Und auf die bohrende Frage an den Mufti, ob er Organe auch an jüdische Kinder spenden dürfe, erhält er die klare Antwort: "Du spendest nicht an Juden, sondern an Menschen". Drei der geretteten Kinder besucht der Vater im Verlauf der ergreifenden Filmdokumentation. Die Weltpremiere des Filmes, so berichtete Regisseur Marcus Vetter in Metzingen, fand unter großer Zustimmung in Jerusalem statt. Und als der Film kurz darauf in Jenin gezeigt wurde, gab es standing ovations für Ismael Khatib. Der, so Marcus Vetter, hatte selbst lange Zeit nicht an den Film geglaubt: "Was können Filme verändern?".
Erst als er sah, dass die Dokumentation auf beiden Seiten dieselben, menschlichen Reaktionen auslöst, war er von der medialen Wirkung überzeugt. Sein Leben hat sich seit dem Tod seines Sohnes auch äußerlich sehr verändert: Aus dem Automechaniker wurde ein Jugendarbeiter. Mit internationaler Unterstützung hat er im Flüchtlingslager in Jenin ein Jugendzentrum aufgebaut, das er heute leitet. Auch den Tübinger Marcus Vetter lassen die Menschen aus Jenin, die er als "sehr freundschaftlich und auch lustig" erlebt hat, nicht so schnell wieder los. Er will, dass sich etwas verändert für die Menschen. Zufall oder nicht: Der Blick des Filmemachers fiel dabei auf ein verfallenes, aber einstmals blühendes Kino in Jenin. Durch Spenden aus aller Welt will er zusammen mit Ismael Khatib das Kino wieder aufbauen und zum "Kino Für den Frieden" machen. Vieles ist schon renoviert, manches fehlt noch. Die Tonanlage hat Pink Floyd-Begründer Roger Waters gestiftet. Und ein symbolischer Stuhl im Wert von 1000 € kommt - immerhin zum größten Teil - Dank der Kinoeinnahmen und Spenden aus Metzingen. Werner Schulz |