Liedpredigt
NUN FREUT EUCH, LIEBEN CHRISTEN G‘MEIN (EG 341)
- Martin Rößler -

Sonntag Kantate 14. Mai 2017 in Metzingen

Musikèn eráo - Ich liebe die Musik, und es gefallen mir die Schwärmer nicht, die sie verdammen. Weil sie
1. ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist,
2. Weil sie die Seelen fröhlich macht,
3. Weil sie den Teufel verjagt,
4. Weil sie unschuldige Freude weckt. Darüber vergehen die Zorn-anwandlungen, die Begierden, der Hochmut.
Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie. Das ergibt sich aus dem Beispiel Davids und aller Propheten, weil sie all das Ihre in Metren und Gesängen überliefert haben.
5. Weil sie in der Zeit des Friedens herrscht,
... Ich lobe die Fürsten Bayerns deshalb, weil sie die Musik pflegen. Bei uns in Sachsen werden die Waffen und Bombarden gepredigt. (Martin Luther 1530 auf der Coburg - nach Oskar Söhngen, Theologie der Musik, S.87f.)

Das sind, liebe Gemeinde, die musikalischen Thesen Martin Luthers im Originalton, gleichsam das Pendant zu jenen 95 Thesen zu Buße und Ablass, die er am 31. Oktober 1517 an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen hat - das Datum unsres 500-jährigen Reformations-Gedenkens.

Ich liebe die Musik - mit ganz einfachen Worten zählt Luther auf, was sich durch die Jahrhunderte bestätigt und ausgeweitet hat. Musik ist eine urtümliche, natürliche und kreatürliche Gabe, die an sich schon Gott den Schöpfer lobt und ehrt - die Nachtigall ist hierfür das beliebte Symbol, wie wir es in Luthers Lied zum Eingang gesungen haben. Und viele  Komponisten, auch sogenannte weltliche setzen das Soli Deo Gloria an den Schluss ihrer vollendeten Partituren. Musik erreicht eine Wirkung, die bis ins Innerste des Menschen dringt - Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen, schreibt Beethoven im Titel seiner Missa Solemnis; und in der Seele schafft die Musik Ausgeglichenheit und Frieden, Menschenfreundlichkeit und Lebensfreude - zu Gottes Ehre und Rekreation des Gemüts, wie Bach das Wesen der Musik umschreibt. Ja, sie entfaltet therapeutisch heilende und stabilisierende Kräfte - Trösterin Musik heißt sie seit der Romantik.

Ich liebe die Musik ..., sagt Luther und in den Zeilen kurz danach schreibt er: Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie. Also doch: Der Musik ist bei allem Lob und aller Liebe etwas vorgeordnet, nämlich die Theologie; allerdings nicht eine Theologie als Summe der Dogmen und Moralgesetze, der Sitten und Gebräuche, sondern die Theologie als Stimme des Evangeliums, der frohen Botschaft von Befreiung und Erlösung, von Glaube, Liebe, Hoffnung. Luther spürt, wie geschwisterlich verwandt die beiden Ebenen Theologie und Musik sind: Wort und Ton sind die beiden Künste, die durch das Ohr, durch das Hören in den Menschen eingehen. Und bei seiner sprachschöpferischen Übersetzung des Neuen Testaments geht ihm auf, was er in seiner Vorrede 1522 notiert: ... denn Euangelion ist ein griechisch Wort und heißt auf deutsch: gute Botschaft, gute Mär, gute Neuzeitung, gut Geschrei, davon man singet - als erstes genannt! - , saget und fröhlich ist (September-Testament 1522). Gottes Wort will sich als lebendiges, mündliches Wort im Ton ausbreiten, um zur vollen Wirkung von Frieden und Freude zu kommen. So ist es nicht verwunderlich, dass Luther die Schnittmenge von Theologie und Musik im geistlichen Lied erkennt: Das Wort formt und füllt den Ton, der Ton verstärkt und vertieft das Wort. Darum hören wir heute zum Sonntag Cantate-Singet! das Evangelium als gut Geschrei in einer schönen Musik und einer ausführlichen Liedpredigt.

Seltsam verschlungen sind die Wege, wie Luther zum Dichter und Sänger des geistlichen Liedes wird - er ist bereits 40 Jahre alt; ein berühmt-berüchtigter Mann, bewundert und gefürchtet wegen seiner spitzen Feder und scharfen Zunge. Er bewegt sich am Anfang nicht auf den traditionellen Gleisen, wie eben ein Mönch seine Psalmen und Hymnen singt oder ein Musikliebhaber den kunstreichen Motetten und Messen lauscht. Er geht auf die Straße und mischt sich im Lied in die aktuellen Fragen der Zeit. Am 1. Juli 1523 werden auf dem Marktplatz in Brüssel zwei junge Augustinermönche auf dem Scheiterhaufen verbrannt; sie haben ihr Bekenntnis zu dem von Luther neu entdeckten Evangelium mit dem Märtyrertod bezahlt. In Zittern und Zorn über dieses ungeheuerliche Geschehen verfasst Luther sein nachweislich erstes Lied in Text und Melodie:
    Ein neues Lied wir heben an, / des walt Gott, unser Herre,
    zu singen, was Gott hat getan / zu seinem Lob und Ehre.
    Zu Brüssel in dem Niederland, / wohl durch zween junge Knaben
    hat er sein Wundermacht bekannt ... (Str.1)
Ein Protestsong gegen die listigen Tücken und brutalen Tricks der kirchlich-staatlichen Inquisition; Luther spricht von Lügengeflecht und Ränkespiel, von brutaler Gewalt in Verhören und Foltern, diesen Tod nennt rundheraus Mord.  Eine Ballade, ein Nachrichtenlied mit einer aufrüttelnden, zeitkritischen Information. Letztlich ein Trostgesang für die bedrängten und angefochtenen Christen im Niederland und sonstwo.

Das Lied hat gezündet; als Flugblatt geht es durch die Lande, von Markt zu Markt, von Mund zu Mund, vergleichbar den journalistischen Schlagzeilen unserer Zeitungen. Könnte eine solche Art der Nachrichtenübermittlung - so fragt sich Luther - nicht auch seinem eigentlichen Anliegen, nämlich der Proklamation des Evangeliums nützlich sein? Ein Zeitungslied als Träger der Heilsgeschichte? Luther fragt nicht mehr lange, sondern formt die Startstrophe zu seinem zweiten Lied in Art eines volksliedhaften Tanzliedes:
    Nun freut euch, lieben Christen g‘mein,
    und lasst uns fröhlich springen,
    dass wir getrost und all in ein
    mit Lust und Liebe singen ...
Wie genial setzt Luther seine bildhafte Sprachkraft ein, wenn er mit den Stabreimen spielt: mit Lust und Liebe singen! Wenn er von Gottes Wundertat spricht und mit den verlockenden Adjektiven um das Ohr und Herz seiner Hörer wirbt: süß ist die Kunde. Und die Melodie, die Luther selbst zur Begleitung auf der Laute erfindet, setzt das mit Lust und Liebe in musikalische Vorgänge um: die kurzen antreibenden Auftakte zu jeder Verszeile, die übereinander getürmten Sprünge der Quarten-Intervalle - sie lassen die Worte geradezu springen, tanzen. Wer wollte da dem singenden Erzähler nicht gerne zuhören? Der Kontakt ist geknüpft, das Lied kann beginnen.


Was aber ist in den nächsten beiden Strophen zu hören? Nachrichten, die uns  eher erschrecken und schockieren; Strophen, die wir lieber ausblenden und verschweigen möchten. Das fröhliche Tanzlied schlägt um in eine quälende Todesfuge, die freundliche Ankündigung in eine Horrorvision.
    Dem Teufel ich gefangen lag,
    im Tod war ich verloren,
    mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,
    darin ich war geboren ...
Offenbar müssen wir erst das Dunkel des Unheils über der Erde, in uns und um uns wahrnehmen, bevor wir das Licht des Heils sehen und ergreifen können. In der Tat, wir erfahren uns in vielfältiger Weise als Gefangene. Unheimliche Mächte und unentrinnbare Zwänge schlagen uns in Bann. Sie gipfeln in der unheiligen Dreieinigkeit, die Luther aus seiner Lebenserfahrung oft als Kürzel für die abgrundtiefe menschliche Verlorenheit verwendet: Sünde, Tod und Teufel - die unheilige Dreieinigkeit! Da ist die Sünde: nicht die kleinen Fehltritte hie und da, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber Gott, unserm Herrn; die Überheblichkeit, ohne ihn, ja gegen ihn leben zu wollen; die letzte Vermessenheit und Besessenheit, zu sein wie Gott selbst; und diese Ursünde der Gottesferne entlädt sich fortwährend in ungezählten Sünden und Vergehen. Da ist der Tod: der Sünde Sold, wie der Apostel Paulus sagt (Röm 6,23), Quittung für eine Existenz fernab von Gott, der Quelle des Lebens; und der Tod wirft seine Schatten weit voraus in unser Leben und verdunkelt es in Sorge und Angst; am Ende stürzt uns der Tod in Nichtigkeit und Namenlosigkeit. Da ist zuerst und zuletzt der Teufel: Verkörperung des Bösen, immer wieder präsent als Verlockung zum Widerspruch, als Anreiz für die Versuchung unserer Triebe und Sehnsüchte. Die Erfahrung der Ausweg-losigkeit ist perfekt - wenn wir es wagen, uns einmal ehrlich kritisch zu sehen.

Wir werden uns natürlich abmühen, diesem Teufelskreis zu entkommen. Luther spielt in seinem Lied in der theologischen Fachsprache unsere Fluchtversuche, unsere Wege zur Selbsthilfe durch. Der Mensch versucht, die von Gott erwarteten guten Werke zu leisten; aber ein verdorbener Baum trägt keine guten Früchte; die Fassade der Selbstgerechtigkeit ist bloß wieder eine Spielart der Sünde. Der Mensch beruft sich auf seinen freien Willen, aber er kann nur wählen innerhalb der Klammer des gottfernen Herrschaftsbereichs. In Luthers Versen ist fast körperlich die schiefe Ebene zum Verderben zu spüren; in dieser beklemmenden Enge der Angst bleibt kein Raum zum Atemholen.

All dies analysiert Luther in seinem Lied gnadenlos, illusionslos. Er sagt Ich; zweifellos sind in die Färbung des Berichts seine persönlichen Glaubenserfahrungen eingegangen, doch er sagt Ich im Namen der lieben Christen allgemein. Sein eigenes Erleben sieht er als Modell für ein Geschehen, das jeder Mensch so oder so ähnlich durchstehen muss: Erfahrung der Gebundenheit, total und global; Ergreifen der Befreiung und Erlösung, unvermutet und gnadenvoll. Das hat Luther von Paulus gelernt. Die beiden Liedstrophen lesen sich wie eine verdichtete Zusammenfassung von Römer 7 bis hin zum letzten Aufschrei: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Und hart daneben - wie dann bei Luther auch - der voraussetzungslose Einbruch der Errettung: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! (Röm 7,24f). Die Befreiung kann nur von einer anderen Seite kommen; zum Menschen, nicht vom Menschen. Aber wann und wie wird die Todesfuge zur Lebensmelodie?


Da trifft Luther für die Erzählweise seines Liedes auf ein längst vorgeformtes Lehrstück vom Ratschluss Gottes zur Erlösung, damals in einer Predigt von Bernhard von Clairvaux verbreitet und von mittelalterlichen Mysterienspielen aufgegriffen. Dieses Lehrstück schildert eine Verhandlung im himmlischen Thronsaal, ein Welttheater jenseits von Ort und Zeit, und es geht um die Frage: Soll der Schöpfer sein Geschöpf, gequält durch Sünde, Tod und Teufel, einfach so verderben lassen? Die vier Tugenden Gottes treten als Personen zum Wettstreit an. Die einen Eigenschaften Gottes, nämlich Gerechtigkeit und Wahrheit fordern den Tod, die anderen Eigenschaften wie Barmherzigkeit und Friede aber bitten um Gnade vor Recht. Nach langen Disputationen siegt die Barmherzigkeit, (und schon in der mittelalterlichen Vorlage heißt es wörtlich: Die Zeit ist da, sich seiner zu erbarmen; die Zeit des Zornes ist vorüber!) Nur ganz so einfach geht es nicht, wenn Wahrheit und Gerechtigkeit nicht endgültig hinfällig werden sollen. Es bleibt nur ein Ausweg: Einer muss aus Liebe sterben, stellvertretend für die anderen; einer, der nicht von der Gottesferne betroffen und darum nicht den Fängen des Verderbens verfallen ist. (Entscheidender Augenblick ist jenes Selbstgespräch in Gott, bei dem die Barmherzigkeit siegt, und jenes Zwiegespräch zwischen Gott Vater und Gott Sohn, der sich zur Rettungsaktion hergibt.)

Ein Mysterienspiel gewiss, kindlich-naiv und mythologisch-urtümlich. Aber drückt es nicht, entmythologisiert verstanden, gerade Luthers umwerfende Entdeckung aus: Gottes Gerechtigkeit zeigt sich in Gottes Barmherzigkeit! Die Zeit des Zornes ist der Zeit der Zuwendung gewichen! Das ist das Ereignis, das Luther als Nachrichtenlied erzählen und ausrufen will.
    Da jammert Gott in Ewigkeit
    mein Elend übermaßen;
    er dacht an sein Barmherzigkeit,
    er wollt mir helfen lassen;
    er wandt zu mir das Vaterherz,
    es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
    er ließ‘s sein Bestes kosten.
Der Wechsel von der Todesfuge zur Lebensmelodie wurzelt in Gottes Ratschluss zur Erlösung. Luther lässt, ganz typisch für den Stil seines Erzählliedes, die singenden und glaubenden Menschen teilnehmen an Gottes Gedanken vor aller Geschichte in Raum und Zeit. Er wagt es sogar, Gott sehr menschlich in Gefühlen zu umschreiben: Der Jammer jammert ihn! Der Anblick meines Elends ruft nach Abhilfe; er lässt es sich viel, ja alles kosten. Es gibt keinen anderen Grund zur Erlösung als diesen: Der Richter lässt allen Ernstes - ohne Scherz, wie Luther so trefflich sagt - sein Vaterherz sprechen.

Und dann lässt Luther den ewigen Gott wirklich in wörtlicher Rede sagen:
    Er sprach zu seinem lieben Sohn:
    Die Zeit ist hier zu erbarmen;
    fahr hin, meins Herzens werte Kron,
    und sei das Heil dem Armen ...
Gottes Heil ist Zuwendung, Zusage, Zuspruch, zunächst einmal an Christus, seinen lieben Sohn, und dann - wie der Verlauf des Liedes zeigen wird - an die Menschen, die glaubend und vertrauend das Wort des Sohnes annehmen. Zunächst also ist das Wort an Christus selbst gerichtet: fahr hin, geh ihnen entgegen; die Zeit des Erbarmens ist da! Gott gibt sein Eigenstes, sein Liebstes, seines Herzens werte Kron, wie es mit einem poetischen Kosewort der Liebenden umschrieben wird. Zugleich entwirft das Wort des Vaters die Strategie der Befreiung: kein flüchtiger Besuch, keine oberflächliche Tröstung, sondern Schritte einer Rettungsaktion. Die Befreiung aus dem Herrschaftsbereich des Bösen bedeutet das Heil dem Armen, das Geschenk der Lebensgemeinschaft mit Gott, die Rückkehr aus dem Elend, dem Ausland, in die Heimat der Geborgenheit.

Jetzt, genau in der Mitte des Liedes, beginnt nach der Erfahrung der Todesfuge und dem Anklingen der Lebensmelodie die Durchführung des Heilswerkes, und dies bestimmt diese Ballade bis zum Schluss: Das lass ich dir zur Letze (Str.10, Z.7), zum Abschied. Luther sucht sich einen Leitfaden, um nicht an Nebensächlichkeiten hängen zu bleiben, die den Blick auf die Mitte des Evangeliums verstellen könnten, und findet ihn in jenem bekennenden und lobpreisenden urchristlichen Hymnus, den Paulus im Philipperbrief (Phil 2,5-11) zitiert:
    ... Er erniedrigte sich selbst
    und ward gehorsam bis zum Tode,
    ja bis zum Tode am Kreuz ...
    Darum hat ihn auch Gott erhöht, ...
    und alle Zungen sollen bekennen:
        Jesus Kyrios,
    zur Ehre Gottes des Vaters.

Und so spricht Luther den urchristlichen Hymnus aus dem Neuen Testament nach:
    Der Sohn dem Vater g‘horsam war,
    er kam zu mir auf Erden
    von einer Jungfrau rein und zart;
    er sollt mein Bruder werden ...
Stillschweigend und wortlos setzt Gott der Sohn seinen Gehorsam in die Tat um. Die erste Station ist Inkarnation, die Menschwerdung: er kam ... auf Erden. Aber wie wird hier das Geschehen von Weihnachten umschrieben? Alle Requisiten von Krippe und Stall, von Lichterglanz und Lobgesang fehlen. Christus kam zu mir, um mein Bruder zu werden. Er will mir ganz nahe sein; alles was er sagt und tut, ist mir zugut getan. Christus pro me, Jesus für mich  - Zentrum des Evangeliums, Ziel des Himmel und Erde bewegenden Ratschlusses zur Erlösung. Das Ich des Unheils ist nun Beschenkter des Heils. Tröstlicher und direkter kann es kaum umschrieben werden: mein Bruder ...

Und doch wird es noch persönlicher. Luthers Bericht vom Heil wird zur Anrede an uns Menschen, die bewegte Erzählung zur ansprechenden Verkündigung. Was Jesu Weg und Werk für mich bedeutet, kann nur ganz persönlich gehört und bestätigt, angenommen und vertrauend geglaubt werden.
    Er sprach zu mir: Halt dich an mich,
    es soll dir jetzt gelingen;
    ich geb mich selber ganz für dich,
    da will ich für dich ringen;
    denn ich bin dein und du bist mein,
    und wo ich bleib, da sollst du sein,
    uns soll der Feind nicht scheiden.
Die Rede Gottes zum Sohn setzt sich also fort in der Rede zu dem menschlichen Ich, das sich als gefangen und verzweifelt erfahren hat. Er, der das Werk der Liebe Gottes ausführt, interpretiert es selbst und spricht es uns zu: Halt dich an mich ... Und was soll daraus werden? Das Angebot des fröhlichen Wechsels, des seligen Tausches, wie Luther an anderer Stelle sagt. Jesus tritt an meine Stelle, und ich kann und soll an seine Seite treten; in seiner Nähe und Nachfolge wird die Befreiung gelingen. Seinen Teil hat er gegeben; mein Teil wird es sein, mich mit allen Fasern meines Wesens an Jesus zu klammern - der Tausch ist wechselseitig gemeint. So verlockend, so einladend klingt Jesu Rede, dass Luther sie mit dem unglaublich kühnen, uralten Liebes- und Verlöbniswort verstärkt: Ich bin dein, und du bist mein, des sollst du gewiss sein! Er ist von Römer 7 zu Römer 8 weitergeschritten: Gott ist hier ... Christus Jesus ist hier ... Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben ... uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn (Röm 8,33ff.). - Da bist du selig worden! (Str.8, Z.7)


Hier auf dem Höhepunkt des Liedes breche ich ab. Luther geht in den restlichen Strophen - wir werden sie nachher singen - den Stationen des Heilsweges in aller Ausführlichkeit nach. Es bleibt ja noch ein Rest: Der Kampf mit jener unheiligen Dreieinigkeit muss bis zum Schluss durchgestanden und berichtet werden. Ohne diesen Teil könnte der Zuspruch der Liebe Gottes leicht als gutgemeinte Vertröstung, als billige Gnade missverstanden werden.

Bald nach diesem zweiten Lied hat Luther weitere Gesänge in Wort und Ton verfasst, nunmehr eher für seine sich konsolidierende Kirche gedacht; aus dem erzählenden Sololied wird ein gemeindliches Kirchenlied. Luther entdeckt die biblischen Psalmen als geeignete Liedmodelle: Aus tiefer Not schrei ich zu dir - Ach Gott, vom Himmel sieh darein. Er übersetzt lateinische Hymnen der alten Kirchenväter: Nun komm, der Heiden Heiland; er nimmt die mittelalterlichen Einzelstrophen mit dem Kyrieleis am Schluss samt Melodie als Startsignal für seine eigenen Strophen: Gelobet seist du, Jesu Christ, und fügt später sein Krippenspiel-Lied hinzu: Vom Himmel hoch, da komm ich her - das ist nun sein Beitrag zum Weihnachtsfest, und in ähnlicher Weise bedenkt er alle Christusfeste des Kirchenjahrs. Gleichzeitig stellt Luther seine poetisch-musikalische Kraft in den Dienst von Katechismus-Lehre und Seelsorge: Dies sind die heilgen zehn Gebot - Vater unser im Himmelreich  - Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Nie aber vergisst er das Grundmotiv seiner Theologie: Kampf zwischen Himmel und Hölle, zwischen Gott und den Mächten des Verderbens, und in diesen Kampf will er mit den Mitteln von Wort und Ton eingreifen. Sein Lied hat teil an der Entlarvung der Welt, an der Austreibung der Dämonen, am Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit: Ein feste Burg ist unser Gott ... Und ob die Welt voll Teufel wär - Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort - Verleih uns Frieden gnädiglich. So viel als kurzer Überblick zu den insgesamt 36 Liedern und Gesängen von Martin Luther.

Sein allerletztes Wort zu Theologie und Musik schreibt Luther in seiner letzten Gesangbuch-Vorrede 1545, einige Monate vor seinem Tod. Er fasst noch einmal alle Momente unseres heutigen Liedes Nun freut euch, lieben Christen g‘mein zusammen und bekräftigt seine grundsätzlichen musikalischen Thesen: Singet dem Herrn ein neues Lied; singet dem Herrn alle Welt (Psalm 96,1). Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel (die unheilige Dreieinigkeit). Wer solchs mit Ernst glaubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen (wieder ist singen an erster Stelle genannt) und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen. (Wer aber nicht davon singen und sagen will, das ist ein Zeichen, dass ers nicht glaubet und nicht ins neu fröhliche Testament, sondern unter das alte, faule, unlustige Testament gehöret.) Des walt Gott, unser Herre! Amen.