"Luther, die Freiheit und wir" 

Predigt zum Thema „Reformation und Freiheit“ (Galater 5,1)
am Sonntag, 22. Januar 2017 in der Martinskirche Metzingen durch Paul Dieterich, Weilheim

 

Zur Freiheit hat uns Christus befreit, so steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
Galater 5,1

Liebe Schwestern und Brüder,

das Wort Freiheit wird oft gebraucht, wenn wir unsere westliche Lebensart beschreiben wollen. Als im Oktober 2015 der Staatsakt zur Feier des 25. Jahres der deutschen Vereinigung war  und alles, was Rang und Namen hat in Deutschland geladen war, wurde in den Festreden das Wort Freiheit so oft gebraucht, dass ich am Ende der Veranstaltung mich doch sehr gefragt habe, ob es der Freiheit und uns guttut, wenn sie in jedem zweiten Satz genannt und schließlich so abgegriffen ist wie ein Zehn-Cent-Stück.

Als dann das Ende der Feierstunde nahte, war ich nur noch gespannt, welche Hymne jetzt noch gesungen oder gespielt würde. Ob jetzt, wie so oft in diesem Zusammenhang, Schillers Lied an die Freude angestimmt würde, in dem es heißt: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt“. Dies Klippe wurde dann hoch vermieden.

Freiheit! Niemand hat gesagt: Freiheit wovon? Und Freiheit wozu? Solange wir darauf nicht antworten, ist das Wort Freiheit nur eine hohle Phrase, in die jeder hineinstopfen kann, was ihm passt.

Denn der eine – das sagt er natürlich nicht – die Freiheit, dem anderen die Ellbogen in die Rippen zu stoßen oder den anderen in seinem Elend still zugrunde gehen zu lassen. Er nennt diese Art freundlich „Freiheit des Wettbewerbs“. Aber er meint ein Hauen und Stechen, bei dem der Stärkere, der Geschicktere, siegt, der andere unterliegt. Es wird der Kampf jeder gegen jeden mit dem schönen Wort „Freiheit“ ummäntelt.

Was hat Martin Luther unter der Freiheit eines Christenmenschen verstanden? Es ist gut, wenn wir uns  klar machen, was der junge Mönch Martin im Augustinerkloster in Erfurt erlebt und erlitten hat.

Er wollte mit aller Energie, zu der er fähig war, ein frommer Mönch sein. Einer, mit dem Gott wenigstens halbwegs zufrieden ist. Er wollte seine Existenz rechtfertigen vor Gott. Er wollte mit seinem ganzen Leben den Nachweis führen, dass Gott ihn nicht umsonst geschaffen hat.

Das haben er und seine Mitbrüder und die Mitschwestern in den Nonnenklöstern, aber auch so ziemlich jeder, der mit Ernst ein Christ sein wollte, dadurch versucht, dass sie gottwohlgefällige Werke getan haben: Hungrige speisen, Kranken beistehen, anderen zum Leben helfen.

Gut, würden wir sagen. Aber wenn ich das tue, um auf meinem himmlischen Konto Pluspunkte zu sammeln, wann tue ich genug? Und – so hat später Friedrich Nietzsche gefragt – : Missbrauche ich den Bedürftigen, der sich gegen meine Wohltaten nicht wehren kann, nicht, wenn ich ihn dazu benutze, durch meine Hilfe ihm gegenüber mir selbst zu helfen, meine eigene Existenz zu rechtfertigen? Ist dann meine Nächstenliebe nicht vielmehr Selbstliebe?

Luther und viele seiner Mitmönche schlossen sich dann der sogenannten via moderna an, der Frömmigkeit, die damals gerade modern wurde. Ihr ging es vor allem darum, dass wir uns selbst schonungslos kritisch sehen. Und dass wir dabei vor allem ganz selbstlos werden. Demütig, wobei das Wort Demut nur unzureichend das wiedergibt, was das Ziel war. Bei dem Wort Demut wittert mancher von uns eine Haltung, auf die man sich womöglich etwas zugute halten kann, etwa so: „In unserer Demut lassen wir uns von niemandem übertreffen“. Nein, humilis wollten die Mönche werden, ganz niedrig, ganz da unten. Auch so, dass sie Gottes Urteil so sehr recht geben, dass dabei eine Resignation ad Inferno herauskommt. Das heißt: Die Haltung, in der ein Mensch auch noch auf den Wunsch, ewig selig zu werden verzichtet und sich sagt: Wenn Gott mich eben zur Verdammnis bestimmt hat, dann weiß er gewiss, warum. Dann soll auch das recht sein. Ich habe für mich gar keine Wünsche mehr.

In den Bibelauslegungen der Jahre 1513 bis 10517 kommt Luther immer wieder auf  diesen Punkt: Wir sind Sünder und je früher und radikaler ein Mensch das einsieht, desto besser. Darum ist der Verbriefe von Paulus vor allem dazu geschrieben, niederreißen, was an geheimem Stolz in uns lebt. Das Evangelium vom barmherzigen Gott taucht in diesen Schriften zwar auch immer wieder kurz auf. Aber dann wie ein fernes Wetterleuchten. Gleich darauf ist es wieder dunkel.

Was Luther damals durchgemacht hat, das hat er in seinem autobiographischen Lied „Nun freut euch, liebe Christen g'mein“ später so gesehen: „Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn verdorben; der frei Will hasste Gotts Gericht, er war zum Gutn erstorben; die Angst mich zum Verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken.“

Auch Luthers 95 Thesen sind meines  Erachtens noch in dieser vorreformatorischen Mentalität geschrieben. Schon die erste These atmet diesen Ernst: „Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus sagt 'Tut Buße', dann will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete Buße sein soll.“

Erst als Luther von der Diskussion um seine Thesen voll gepackt war, ging ihm bei der Auslegung des Hebräerbriefes die befreiende Weite und das helle Licht des Evangeliums auf. Er hat vorher in Jesus Christus vor allem den gesehen, der uns richten wird am Jüngsten Tag. Er kennt uns besser als wir selbst. Ihm können wir nichts vormachen. Besser wir begegnen ihm nicht. Es ist früh genug, wenn wir ihm am Jüngsten Tag begegnen werden.

Jetzt plötzlich war für ihn Jesus der Heiland, der all das, was uns niederzieht, ganz auf sich nimmt, so konsequent, dass er sein Leben für uns hingibt. Er gibt uns sein Leben, damit es in uns leben kann und damit wir befreit werden zum Leben, ja zu einem Leben, das nicht einmal der Tod umbringen kann, zum ewigen Leben.

Wie Jesus Christus zu uns steht, das  hat er in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520 so ausgedrückt: Er heiratet, d. h. er verbindet sich in der innigsten Weise und unlösbar für immer mit einem „Hürlein“, wir würden etwas milder sagen: mit einer Frau mit Vergangenheit. Und alles, was sie an Belastendem mit in diese Ehe bringt, das nimmt er ganz auf sich. Wogegen er all das, was er an Gutem mitbringt, sein intaktes Verhältnis zu Gott, seine Unschuld, seine Liebesfähigkeit, seinen Mut zum Leben, all das, dieser seiner Frau gibt, die er voll Hingabe liebt.

So ist Gott. „Wer mich sieht, der sieht den Vater. Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus nicht umsonst. Er ist der liebende Vater, der den heimkehrenden verlorenen Sohn innig umarmt, den sein Sprüchlein „Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir“ gar nicht interessiert, der uns Menschen in überschwänglicher Liebe umarmt und mit uns sein Fest feiert. Bei ihm sind wir zu Hause auf immer und ewig, was immer gegen uns sprechen mag. Bei ihm sind wir geborgen. Für immer.

Er hat Gott vorher ganz anders verstanden. Das Wort „Gerechtigkeit Gottes“ hat er vorher gefürchtet und gehasst. Jetzt war ihm dieses Wort überaus erfreulich. Denn er wusste, Gott behält nichts für sich. Seine Gerechtigkeit ist die Kraft, die er uns schenkt, damit wir wieder und wieder unser Leben neu anfangen können, selige Anfänger unser Leben lang.

Es wurde taghell in seinem Leben. Später sagte er, damals sei er durch eine „Paradiesespforte“ gegangen. Noch zwei Jahre vor dem Ende seines Lebens erinnert er sich an diesen Augenblick und schildert ihn in den höchsten Tönen.

Mag mancher darin eine biographische Stilisierung sehen, es wurden dicke Bücher darüber geschrieben, Luther sah es so.

Wichtig sind jetzt nicht mehr unsere „guten Werke“ und dass die Bilanz unseres Lebens vor Gott und den Menschen positiv ist. Wesentlich ist jetzt nicht mehr, was andere über uns denken oder sagen. Wesentlich ist auch nicht mehr, was wir selbst über uns denken. Wichtig ist nur noch dieses Eine: dass Gott selbst uns unendlich lieb hat und dass er für uns alles hingibt.

Darum ist das Kreuz unser Zeichen. Und darum auch steht auf jedem Altar oder hängt über jedem Altar unserer Kirchen ein Kreuz. Und auch wenn ein Mensch, ohne viel zu denken, sich mit einem Kreuz schmückt, dann darf es uns daran erinnern: Auch dieser Mensch ist ein geliebtes Kind Gottes, ob es das weiß und spürt oder nicht.

Es kommt nur immer drauf an, dass wir da wahr sein lassen. Dass wir nicht zweifeln dran. Es ist ein reines Geschenk. Der Glaube empfängt das Geschenk.

Sie werden sagen: Ja, wenn ich den Glauben hätte. Aber mein Glaube ist wie der Schein einer Kerze im Wind. Er flackert. Und oft raucht er nur noch wie ein ausgeblasener Docht.

Aber auch ein flackernder Glaube ist besser als keiner. Und wenn wir heute mit unserem Glauben am Ende sind, weil zuviel auf uns einstürmt und wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht, rechnen Sie damit, dass Ihnen der Glaube morgen wieder geschenkt wird. Er ist wie die Luft, die wir atmen. Wir haben sie nie auf Vorrat. Sie wird uns immer neu geschenkt. Gott lässt uns nicht im Stich.

Was bringt uns das? Vor allem: Wir sind davon befreit, unsere Existenz in irgend einer Form durch das, was wir leisten, rechtfertigen zu müssen.

Auch nicht durch irgendeine Art unserer Frömmigkeit. Wer das Gefühl hat, dass er nie fromm war und nie fromm sein wird, der soll trotzdem wissen: Du bist ein durch und durch geliebtes Kind Gottes. Aus dieser Liebe wirst du nie herausfallen. Gott verzichtet auf dich nicht. Du gehörst zu ihm und er gehört zu dir. Glaub es und lebe.

Und auch mit dem, was wir in diesem unserem Leben zustande bringen, müssen und können wir nicht rechtfertigen, dass es uns gibt. Ich weiß, das steckt in jedem von uns tief drin, dass wir durch unsere „Werke“ unser Dasein rechtfertigen. So dass wir den Hut ziehen vor denen, die etwas zustande bringen in dieser unserer Welt und dass wir mit Geringschätzung die bestrafen, die nichts zustande bringen. Das ist so tief in unser Denken und Empfinden eingeprägt. Wie tief, das habe ich vor drei Jahren gemerkt. Ich hatte einen Gehirnschlag. Und es war die Frage, ob und wie ich noch einmal aufkommen werde. Kaum konnte ich wieder mit einem Finger tippen, da ertappte ich mich bei dem Gedanken: Es soll sich doch gelohnt haben, dass mir noch einmal eine Frist gegeben ist. Ganz selbstverständlich habe ich die neu geschenkte Lebenszeit zu rechtfertigen versucht durch das, was ich noch und wieder zustande bringe.

Aber was würde es für uns bedeuten, wenn wir diese Selbstrechtfertigung durch die eigenen Werke hinter uns lassen und frei von alledem einfach aus der grenzenlosen Liebe Gottes heraus leben würden? Ich denke, wir würden nicht faul werden. Denn es ist ein gutes Gefühl, weine Gaben in den Dienst des Lebens zu stellen. Aber wir würden mit uns und miteinander ganz anders umgehen. Viel hoffnungsvoller, viel freudiger, vielmehr so, dass wir einander gut sind und dass wir spüren, wie es dem anderen zumute ist.

Solange wir unsere Existenz rechtfertigen und durch unsere Werke, solange sind wir wie ein Hamster im Hamsterrad. Je fleißiger der läuft, desto schneller dreht sich das Rad. Er wird sich zu Tode rennen. Es sei denn, er kommt aus diesem Rad heraus. Es ist eine Befreiung, ja eine Erlösung, wenn einer aus diesem Hamsterrad herausgenommen wird.

Was würde es bedeuten, wenn diese Botschaft unser Schulwesen prägen würde vom Kindergarten bis zur Hochschule? Es herrscht weitgehend ein hartes System der Rechtfertigung durch das, was einer zustande bringt. Wo das herrscht, ist einer der Konkurrent des anderen. Und leicht wird aus der Konkurrenz Feindschaft. „Non scholae discimus sed vitae“ stand in der Eingangshalle des Gymnasiums, das ich besucht habe. Was haben wir für unser Leben gelernt? Gemeinschaft mit den Schwachen? Freundschaft? Oder etwas ganz anderes?

Was würde aus dem Sport, wenn Kameradschaft, das gemeinsame Durchstehen schwieriger Situationen, wichtiger wäre als die Leistung? Ich sehe gern Fußball in der Bundesliga. Denn ich war selbst Fußballer und Handballer. Diese Spiele faszinieren mich. Aber wenn der FC vier Spiele verloren hat, wird morgen der Trainer gefeuert. Es herrscht ein  gnadenloses Erfolgssystem. Und Millionen Menschen schlürfen es in sich hinein, ohne viel zu denken.

Und die Dopingskandale, die den Leistungssport begleiten. Wundert es einen von uns, dass da, wo nur noch die Leistung zählt, vollends, wenn ein Sportler einen Werbevertrag unterschrieben hat, einer versucht wird, zu fragwürdigen Mitteln zu greifen? Und wenn einer erwischt wird, dann werden wir geradezu biblisch, sprechen von Dopingsündern und verachten die Erwischten. „Ihr führt ins Leben uns hinein, ihr lasst den Armen schuldig werden, dann überlasst ihr ihn der Pein, denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“

Auf welchem Weg sind wir, wenn wir Sklaven des Leistungskultes sind? Die Olympischen Spiele und ihre Eröffnungsfeiern mit Opferflamme und Priesterinnen ein Hochamt der Leistungsreligion?

Und unsere Wirtschaft. Ich weiß auch keine andere Wirtschaftsordnung als die Marktwirtschaft. Wenn aber das Konkurrenzsystem in ihr übermächtig wird, wie geht es dann den Menschen, die hier arbeiten? Kriege fordern Opfer, auch Wirtschaftskriege. Und in den Betrieben, wenn einer, der Verantwortung für Menschen hat, doch wüsste, dass wir nicht Sklaven des Leistungssystems sind, sondern geliebte Kinder Gottes, ich denke, er würde in den ihm Anvertrauten Menschen sehen und weder pure Leistungsträger noch gar Arbeitstiere.
 
Und wenn wir das politische Leben befreien könnten vom Leistungssystem, wäre das nicht eine große Chance für Europa? So lange wir nur ein Wettbewerbssystem sind, wird es immer sehr viel mehr Verlierer als Sieger geben. Ein solcher Körper ist ohne Seele. Und was aus einem Corpus wird, der seine Seele ausgehaucht hat, das sehen wir auf jedem Friedhof. Wo aber der Geist regiert, von dem Paulus sagt, da ist Freiheit, da wird ein Volk gut und gern für das andere eintreten. Paulus sagt „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz, die Lebensordnung Christi, erfüllen“. Das gilt nicht nur für jede Familie und
für jede Kirchengemeinde. Das gilt auch für die Gemeinschaft von Völkern. Es gilt für Europa so sehr wie für die Völkerwelt weltweit. Da wäre noch vieles zu diskutieren.
 
Je länger ich unsere Welt, wie sie ist, von dem her beleuchte, was Paulus und Luther unter Freiheit verstanden haben, desto deutlicher wird mir, dass wir sehr weit entfernt von dieser Freiheit sind. Heute mindestens so weit wie zur Zelt Luthers. Es ist eine fremde Botschaft. Aber eine notwendige, wenn unsere Welt halbwegs menschlich werden soll.
 
Wird das Lutherjahr dazu führen, dass wir diese fremde Botschaft neu entdecken? Und werden wir den Mut haben, das, was um uns herum allgegenwärtig ist, von ihr aus zu durchdenken?
 
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“