Über großes Interesse konnten sich die Familienbildungsarbeit fba und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK am vergangenen Mittwoch freuen, die zum ökumenischen Tischgespräch über Notwendigkeiten, Möglichkeiten, Chancen aber auch Grenzen des christlich-islamischen Dialogs eingeladen hatten.

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"Wie schön, wenn mehr Gäste kommen, als erwartet. Gerne stellen wir noch weitere Stühle auf", freute sich Pfarrer Weiß von der katholischen Bonifatiusgemeinde, als er die über 60 interessierten Gäste im "Bonisaal" begrüßte und den Referenten des Abends, Pfarrer Heinrich Georg Rothe vorstellte. Rothe ist Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied der Fachgruppe "Begegnung mit dem Islam" der ACK in Baden-Württemberg.

"So wahr mir Gott helfe"

Seit Ende 2007 habe die Landeskirche die Stelle des Islambeauftragten eingerichtet und erkenne damit an, daß bei über 600.000 muslimischen Mitbürgern in Baden-Württemberg auch die Kirche Antworten finden müsse, zum "Miteinander Leben Lernen". Schließlich sei doch das Zusammen-Leben eine von Gott gegebene Aufgabe. Wie schwierig und empfindlich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen noch sei, zeige ganz aktuell die Berufung der ersten türkischstämmigen Ministerin in einem Bundesland. Die neue Sozialministerin Niedersachsens, Aygül Özkan leistete ihren Amtseid mit dem freiwilligen Zusatz "So wahr mir Gott helfe" - ein Zusatz, der bislang bei der Vereidigung neuer Amtspersonen wenig Medienecho auslöste. Im Falle der ersten muslimischen Ministerin in Deutschland wurde jedoch ausführlich berichtet und immer wieder schimmerte die Frage durch: "Darf die das? Muslime beten doch zu Allah, nicht zu Gott."

Sie darf, denn Allah ist das arabische Wort für Gott. Auch Christen in arabischen Ländern sprächen Gott mit "Allah" an, wenn sie in ihrer Sprache, also auf arabisch beteten, führte Pfarrer Rothe weiter aus und ergänzte sogleich, daß sich für uns Christen Gott vor allem durch Jesus erschlossen habe. Immer wieder machte er in seinem Vortrag deutlich, was für ihn und seinen Glauben zentral ist und daß er diese zentrale Bedeutung Jesu für den christlichen Glauben auch seinen muslimischen Gesprächspartnern erklärt - und im Gegenzug erfährt, wie Muslime ihren Glauben verstehen.

Auch in der Bibel gewalttätige Stellen

Bei den anschließenden Gesprächen an den Einzeltischen kamen einige Fragen und auch Ängste auf, die nachher im großen Kreis vorgetragen wurden. Der Koran rufe zur Gewalttätigkeit auf und muslimische Familien würden unter sich bleiben. Auch in arabischen Ländern würde man nur von christlichen Familien eingeladen und käme mit muslimischen Menschen nicht in Kontakt. Pfarrer Rothe machte hierzu jedoch deutlich, daß es auch in unserer Bibel durchaus einige Stellen gäbe, die gewalttätig sind. "Wenn ein Uneingeweihter die Bibel nur auf diese Stellen beschränkt, wird er im Christentum schwerlich die Religion der Liebe erkennen".

Wir Christen wollten doch auch die Chance haben, anderen zu erklären, wie wir die Bibel und unseren Glauben verstehen. Genau so müßten wir auch Muslimen die Möglichkeit einräumen, ihre Sichtweise des Korans und ihren Glauben zu erklären.

Gastfreundschaft muslimischer Familien erfahren

Auch bezüglich der Gastfreundschaft hatte Rothe eindeutig sehr positive Erfahrungen gemacht. So hätten ihn auf seinen Reisen durch arabische Länder immer wieder muslimische Familien in ihr Haus eingeladen, aber auch in Deutschland habe er dem entsprechende positive Erfahrungen gemacht. Zudem böten viele muslimische Gemeinden auch hier in Deutschland Gelegenheiten zum Kontakt an.

Aus vielen Gesprächen wisse er, daß Muslime sich freuten, wenn ihre deutschen Nachbarn während des Ramadan die Einladung zum Fastenbrechen annähmen. Immer wieder betonte er: "Das sind meine Erfahrungen, so habe ich das erlebt."

Durchweg waren Rothe's Äußerungen frei von jeglicher Polemik und immer ließen sie seine Bereitschaft erkennen, auch andere Meinungen stehen zu lassen. So glaubte man ihm gerne, daß er aus vielen Gesprächen und Begegnungen mit Muslimen auch viele positive Erfahrungen heimgebracht hat.

Verschlossene Deutsche?

Selbstkritisch äußerte sich in diesem Zusammenhang auch ein junger Vater, der sich Gedanken darüber machte, warum es in Kindergärten meist wenig Kontakt zu muslimischen Familien gäbe. Seiner Ansicht nach würden wir Deutsche auf Menschen anderer Kulturkreise doch sehr reserviert und verschlossen wirken, wenn wir auf der Straße oftmals aneinander vorbei liefen, ohne einander zu grüßen. Er selbst habe im Kindergarten meistens viel Offenheit erlebt, wenn er muslimische Eltern mit einem einfachen "Hallo, wie geht es Ihnen?" begrüßt hätte, so der Kindergartenvater.

Großes Interesse an christlicher Religion

Letztendlich stellte sich auch die Frage, wozu wir einen christlich-islamischen Dialog führen wollen. Möchten wir unsere muslimischen Mitbürger "nur" besser verstehen und kennen lernen oder möchten wir ihnen Jesus Christus bezeugen? Hierzu gab es bei den über 60 Anwesenden unterschiedliche Ansichten. Religion und andere heikle Themen am besten aussparen, sonst könne der Dialog beendet sein, bevor er richtig begonnen habe?

"Aber Jesus spielt in meinem Leben eine so zentrale Rolle - das wäre doch verlogen, wenn ich meinen Glauben im Gespräch mit Muslimen verschweige", bekannte eine junge Frau bei den Gesprächen am Einzeltisch. Pfarrer Rothe hält einen Dialog mit Muslimen über Glauben und Religion für möglich und nötig und berichtete nochmals von der von ihm mit organisierten "Reise durch die Religionen", die kürzlich zum zweiten Mal in Stuttgart stattgefunden habe. Hierbei verbrachten die ca. 50 Teilnehmenden einen ganzen Tag lang gemeinsam an verschiedenen heiligen Orten unterschiedlicher Religionen im Großraum Stuttgart.

Nach einem Frühstück in der Feuerbacher Moschee und einem Besuch bei den Bahai ging es mit dem Bus weiter zu Stuttgarts Synagoge, die letzte Station der Reise war schließlich die Stadtkirche in Bad Cannstadt. Der überwiegende Teil der Religions-Reisenden wären junge Muslime gewesen und für ihn, Rothe, war es beeindruckend, mit welch großem Interesse gerade die jungen Muslime am Ende dieses langen Tages ihm und dem christlichen Glauben begegnet seien. Auch über Religion sei Dialog mit Muslimen möglich, wobei Dialog jedoch nur auf gleicher Augenhöhe geführt werden kann.

"Miteinander - nicht übereinander reden!"

Eine weitere wichtige Antwort zur Frage nach Sinn und Zweck des christlich-islamischen Dialogs brachte Pfarrer Metzger von der evangelischen Martinskirchengemeinde ein zusammen mit einer Sorge. Dass sich in Nazi-Deutschland so viele zum Haß und Gleichgültigkeit gegenüber jüdischen Menschen aufwiegeln ließen, sähe er im Zusammenhang dazu, dass man viel mehr über sie redete, als mit ihnen. In einer Begegnung vor Jahren mit Ignatz Bubis, dem früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, im Kreis von Pfarrern wurde damals schon betont, dass wir den selben Fehler heute nicht gegenüber Muslimen in unserem Land machen dürfen. Manche Gespräche und Schlagzeilen gingen heute leider aber erschreckend in diese falsche Richtung.

Dementsprechend lautet auch das Motto des Gesprächsabends über den christlich- islamischen Dialog schlicht und einfach: "Miteinander - nicht übereinander reden!"