Ergreifende Einführung in die Karwoche

Der französische Organist und Komponist Louis Vierne ist dem deutschen Publikum kaum bekannt. Umso erstaunlicher war die große Resonanz am Palmsonntag, wo eine große Zuhörerschar der Einladung zur Passionsmusik mit Werken von Vierne gefolgt war.


Der 1870 geborene stark sehbehinderte und schon mit 40 Jahren völlig erblindete Spätromantiker wurde wegen seiner außergewöhnlichen musikalischen Begabungen schon 29-jährig zum Organisten an der wichtigsten französischen Kathedrale Frankreichs, der Notre Dame in Paris, ernannt und blieb in diesem Amt sein weiteres Leben lang tätig.
Inspiriert von dem riesigen gotischen Kirchenraum, seiner berühmten Akustik und einer herausragenden Orgel schuf Vierne vor allem ein großes Werk von Orgelkompositionen, darunter sechs Orgelsinfonien. Die dritte Orgelsinfonie in fis-moll aus dem Jahr 1911 bildete den Auftakt der Passionsmusik.
Martinskantor Stephen Blaich schlug schon mit den ersten Fortissimo-Takten seine Zuhörer in seinen Bann; souverän nutzte er die große Orgel der Martinskirche, um das virtuose viersätzige Werk mit Hand und Fuß zu bewältigen. Typisch spätromantisch hatte Vierne die tonalen und thematischen Regeln der Sonatenform hinter sich gelassen und stattdessen mit prächtigen Akkordentwicklungen und starken Kontrastierungen dem Organisten eine vielfältige Dynamik vorgeschrieben. Es war regelrecht begeisternd, wie Stephen Blaich dieser Aufgabe entsprach. Nach dem ersten mäßig schnellen Satz folgte ein Intermezzo, das der Metzinger Orgel viele kaum bekannte Töne entlockte, und dann ein seelenvolles Adagio, bevor Stephen Blaich mit einem schnellen, vitalen Finalsatz das großartige Werk beendete.
Pfarrer Albrecht Schäfer schuf mit seiner Lesung den Weg in die Stille Woche und zum Karfreitag, bevor danach sich die sehr gut besetzte Martinskantorei für die Messe Solenelle in cis-moll für gemischten Chor und zwei Orgeln vor dem Altar aufstellte.
Gleich zu Beginn dieser Messe wurde allen die komplizierte Dirigatsaufgabe bewusst, die Bezirks-und Martinskantor Stephen Blaich für die Leitung zu lösen hatte: Bernd Mast am Spieltisch der Martinskirchenorgel hatte die Aufgabe, den singenden Chor zu umrahmen, was er gleich zu Beginn von Stephen Blaich aufgefordert mit eindrücklichen Fortissimoklängen bewältigte, bevor mit den Bass-Stimmen der Fugatoauftakt des Kyrie zu den höheren Stimmen überleitete und dann homophon intensiv weitergeführt wurde, dabei begleitet von Leonhard Völlm am Harmonium als Chororgel und Cornelia Ballbach am Kontrabass.
Die äußerst konzentrierte Probenarbeit zeigte sich an der präzisen, leidenschaftlichen und dynamischen Wiedergabe der Messe durch die Kantorei, vom Kyrie über das resolute Gloria, das majestätische Sanctus  und das Benedictus (pocopiu vivo) bis zum Andante   überschriebenen Lamm Gottes, dem Agnus Dei mit dem Schluss „Dona nobis pacem“ (gib uns deinen Frieden).
Eine lange Stille schloss sich an, bevor begeisterter und lang anhaltender Beifall den ergreifenden Abend ausklingen ließ.