Gabelbach, Augsburg und Langenau
Die Metzinger Familienbildungsarbeit (FBA) hatte zur zehnten Orgelexkursion eingeladen

Der Metzinger Bezirks- und Martinskantor Stephen Blaich hatte aus seiner umfassenden Kenntnis von Orgeln in ganz Deutschland für das zehnjährige Jubiläum „seiner“ Orgelfahrten in diesem Jahr schwerpunktmäßig das bayerische Schwaben gewählt und dabei einige regelrecht einmalige Orgeln gefunden.


Das begann in der ehemaligen Wallfahrtskirche in Zusmarshausen-Gabelbach. Hätte sich nicht die evangelische Barfüßergemeinde in Augsburg im Jahr 1758 entschlossen, ihre 1609 erbaute Orgel als nicht mehr zeitgemäß nach Gabelbach zu verkaufen, wäre sie spätestens 1944 dem britischen Fliegerangriff mit der Zerstörung der Barfüßerkirche zum Opfer gefallen. So aber durfte sie in einem kleinen ostschwäbischen Dorf mit einer prächtigen Rokokokirche überleben und dank des großen Engagements vieler Gabelbacher Bürger in den letzten Jahren beispielhaft restauriert werden. Richard Kraus, der Organist und ehemalige Vorsitzende des Orgelbauvereins, führte die fünfzig Teilnehmer umfassende Gruppe aus Metzingen und Umgebung überaus lebendig und kenntnisreich in die Geschichte und Praxis der Orgel ein, die hoch oben auf der zweiten Empore an der Westwand der Kirche eingebaut worden war und nach 18 Jahren Bauzeit im Jahr 2016 vollständig restauriert wieder eingeweiht werden konnte.

Die Orgel ist wegen ihrer historischen Stimmlage mit Streich- und Blasinstrumenten nicht kompatibel und kann deshalb „nur“ solo gespielt werden. Für Konzerte zusammen mit anderen Instrumenten haben die Gabelbacher daher aus Teilen der alten Orgel und neuen Pfeifen auf der unteren Empore eine weitere Orgel eingebaut, so dass die Kirche zwei  bespielbare Orgeln besitzt. Für die Metzinger Orgelfahrt ging es schwerpunktmäßig um die älteste süddeutsche und inzwischen weltberühmte Orgel und dem Spiel auf diesem Instrument, dem sich Stephen Blaich jetzt in vielfältigster Weise widmete. Der für heutige Ohren eher ungewohnte Klangcharakter faszinierte ungemein, so dass Organist und Zuhörer gleichermaßen nur schwer an einen Abschied von der schönen Kirche und ihrer Orgel denken wollten. Aber der Hunger nach Essbarem verlockte dann doch zur Weiterfahrt nach Augsburg, wo im Ratskeller schon genügend Tische reserviert worden waren.

Nach der Mittagspause galt dann der Blick zunächst der Frontalansicht auf das von Elias Holl in den Jahren 1650 bis 1620 erbaute Rathaus, das nach der Zerstörung im Februar 1944 wieder entsprechend den alten Bauplänen errichtet worden ist und so als beispielhaftes Renaissancebauwerk seine zweite Renaissance (Wiedergeburt) erleben durfte. Ein Fußmarsch durch die breite Maximilianstraße schloss sich an, vorbei an der im Jahr1944 stark beschädigten Moritzkirche, den repräsentativen Fuggerhäusern aus der Renaissancezeit und dem Schaezlerpalais im Rokoko-Stil – historische Gebäude, die von Bombenkrieg weitgehend verschont geblieben waren. Die ganze Zeit standen St. Ulrich und Afra mit ihrem 93 Meter hohen Turm und die wesentlich kleinere evangelische Ulrichskirche im Blick der Metzinger Stadtwanderer.


Die Ulrichskirche und die im rechten Winkel dazu stehende größte katholische Pfarrkirche Augsburgs haben dagegen erhebliche Schäden davongetragen, die stilgerecht längst behoben sind. St. Ulrich und Afra ist eine gotische Basilika mit extrem hohem, schmalen Mittelschiff und dementsprechend hohen Obergaden, durch deren Maßwerkfenster viel Tageslicht die Kirche erhellt. In ihrem Längenmaß erinnert diese ehemalige Benediktinerkirche an das Ulmer Münster. Aber die „Ausschmückung“ des prachtvollen hohen spätgotischen Chorraums durch drei barocke Hochaltäre störte viele Teilnehmer.

Egal: die gegenüber dem Chorraum an der Westempore installierte Orgel stand ja im Mittelpunkt des Interesses. Diese Orgel ist heute das Ergebnis einer grundlegenden Sanierung aus den Jahren 1980/ 81 und einer klanglichen Erweiterung1998 jeweils durch die Dillinger Firma Sandtner. Durch die Einbindung des Werks in das historische Orgelgehäuse aus dem Jahr 1608 wird eine eindrucksvolle historische Kontinuität gewahrt. Mit 68 klingenden Registern, 4487 Pfeifen und einem Gesamtgewicht von 30 Tonnen eröffnet das Instrument die verschiedensten Klangfarben aus unterschiedlichsten Stilepochen.

Kein Wunder, dass Stephen Blaich die ihm gewährte freie Hand zu zahlreichen musikalischen Experimenten nutzte. Den Teilnehmern wurde während des Orgelspiels auch demonstriert, welche Auswirkungen die Größe des Gotteshauses auf die Ausbreitung des Klangs hat: von der Westempore bis zum Chorraum vergehen acht Sekunden, bis der am Spieltisch ausgelöste Ton den Hörer erreicht.


In Augsburg- Lechhausen wurde 1952 für die sich damals rasch entwickelnde Vorstadt die katholische Pfarrkirche St. Elisabeth gebaut, die bald im Altarraum entsprechend den Anforderungen des zweiten Vatikanischen Konzils baulich umgestaltet wurde. Als dann auch der Wunsch nach einer neuen, leistungsfähigeren Orgel laut wurde, begann eine zwei Jahrzehnte dauernde Phase der Spendensammlung und Entscheidungsfindung für das neue Instrument, das im Jahr 2008 eingeweiht werden konnte.

Die Besucher aus dem Ermstal betraten eine große, strengen Formen unterliegende Kirchenhalle, die durchwegs aus unverputzten Blankziegeln gemauert ist und nicht nur wegen der abendlichen Dämmerung sehr dunkel wirkte. Umso spektakulärer war der Blick auf die Orgel, deren Prospekt mit langen Holzpfeifen unterschiedlichster Farben wie ein überdimensionales Mikadospiel wirkte. Robert Mair, der Pfarrer von St. Elisabeth, erläuterte sehr temperament- und humorvoll die Baugeschichte von Kirche und Orgel, bevor er Stephen Blaich die Möglichkeit gab, mit dem Spiel einer furiosen Komposition die Orgel zum Klingen, Rauschen, Schwingen und Dröhnen zu bringen.


Die Schlussetappe der Orgelexkursion führte nach Langenau, wo eines der beiden großen Wasserwerke der Landeswasserversorgung steht, von der drei Millionen Einwohner in Baden-Württemberg mit Trinkwasser versorgt werden. Schon von weitem grüßte der 63 Meter hohe beleuchtete Turm der Martinskirche von Langenau, als sich die Ermstäler von Bayerisch Schwaben verabschiedeten und aus der Donauniederung ihrem letzten Tagesziel entgegenfuhren.


In Langenau gab es für etliche Teilnehmer ein fröhliches Wiedersehen mit Pfarrer Dr. Martin Hauff, der lange Jahre Pfarrer an der Amanduskirche in Urach gewesen war. In gebotener Kürze, kurzweilig und informativ stellte er zunächst die Kirche selbst vor, deren Chorraum unverändert die gotische Formensprache demonstriert, während das Kirchenschiff im 17.Jahrhundert im „evangelischen“ Barockstil zu einer Predigtkirche mit der Kanzel in der Mitte des Kirchenraums umgewandelt wurde; dazu passte auch der hölzerne Hochaltar. Dann widmete sich Hauff der neuen Orgel, die nach beispielhafter Spendenbereitschaft innerhalb von sechs Jahren finanziert werden konnte und nach intensiver Planung und sorgfältigster Orgelschreinerei durch die Werkstätte Lenter in Sachsenheim ab dem Jahr 2012 gefertigt und im Jahr 2014auf der großen Westempore integriert in das alte  Barockgehäuse eingebaut wurde.

Dabei war es gelungen, anstelle des alten hochromantischen Werks ein Instrument zu schaffen, das gleichermaßen den Anforderungen barocker wie romantischer Kirchenmusik gerecht werden kann. Stephen Blaich nutzte die willkommene Gelegenheit, sich in die neue Orgel regelrecht zu verlieben und den dankbaren Zuhörern viele schöne Kostproben seiner Spielkunst zu bieten.



Ein äußerst intensiver, konzentrierter und durchaus auch anstrengender Tag neigte sich so seinem Ende entgegen, ein Tag, der vier Jahrhunderte Orgelbaukunst erlebbar gemacht hatte. Dass die Historie auch sonst nicht zu kurz kam, regte Dr. Dieter Feucht immer wieder zu historischen Informationen und auch Anekdoten an. So hatte Ursel Stoll als Reiseleitern leichtes Spiel mit ihren Dankesworten an Stephen Blaich und Dieter Feucht.

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