Auf den Spuren von Gottfried Silbermann

 

Die Metzinger Familienbildungsarbeit (FBA) hatte zur achten Orgelexkursion eingeladen

Im Vorjahr hatte Bezirks- und Martinskantor Stephen Blaich in der Straßburger Thomaskirche eine der berühmtesten Orgeln von Johann Andreas Silbermann vorgestellt. Dieser stammte als Elsässer aus der sächsischen Dynastie von Orgelbauern, die von seinem Vater Johann und dessen Bruder Gottfried begründet worden war.

Aus dem Kreis der Exkursionsteilnehmer war nach der Straßburger Reise der Wunsch nach noch mehr Silbermann und nach einer mehrtägigen Orgelfahrt laut geworden. Die darauf von Stephen Blaich und Ursel Stoll konzipierte Fahrt nach Freiberg, Dresden und Naumburg an der Saale war in kürzester Zeit ausgebucht, sodass am 11. November eine erwartungsfrohe große Gruppe die lange Busreise ins Sächsische antrat.

Während der Omnibusfahrt nutzten Stephen Blaich und Dr. Dieter Feucht die Zeit für viele musikalische und historische Informationen. Die erste Station war die traditionsreiche Bergstadt Freiberg am Rand des Erzgebirges. Dort lernten die Reiseteilnehmer im evangelischen Dom, einer eindrucksvollen spätgotischen Hallenkirche aus dem Ende des 15. Jahrhunderts,  die von Gottfried Silbermann in den Jahren 1711 bis 1714 errichtete und weitgehend unverändert erhalten gebliebene große Orgel mit drei Manualen, 44 Registern und 2.674 Pfeifen kennen.

Da Gottfried vor dem Bau dieser Orgel einige Jahre in Straßburg bei seinem älteren Bruder gearbeitet hatte, konnte er in die Konzeption der Freiberger Orgel einige Einflüsse aus dem Elsaß einbauen. Der frühere Domorganist Wagler brachte nach seiner Einführung das eindrucksvolle Werk selbst zum Klingen und überließ dann Stephen Blaich „seinen“ Spieltisch, der das Instrument und die vortreffliche Akustik bestens zu nutzen verstand.

Ein ganz besonderes Ereignis war dann am Abend eines langen Tages die Vorstellung der von dem Straßburger Orgelbauer Daniel Kern erbauten Orgel in der Dresdener Frauenkirche. Die Kirche selbst war nach der Zerstörung im Februar 1945 in den Jahren 1994 bis 2005 als prachtvolles Zeugnis protestantischen Sakralbaus wieder erstanden, ist heute wie vor der Zerstörung ein stadtbildprägender Monumentalbau und dokumentiert den Willen der Dresdener Bürgerschaft, mit eigenen Kräften und Spenden aus aller Welt ein großartiges Zeichen der Hoffnung zu setzen.
Das Werk der heute in der Frauenkirche stehenden Orgel ist keine Rekonstruktion der von Gottfried Silbermann im Jahr 1736 errichteten Orgel; nur das Gehäuse repräsentiert noch den barocken Orgelbau. Dem Bau der Orgel war eine lange als „Orgelstreit“ bekannt gewordene Diskussion zwischen Vertretern der historisierenden Auffassung und Befürwortern einer auch den heutigen Erfordernissen entsprechenden „Universalorgel“ vorausgegangen. Die neue Orgel mit ihren 67 Registern auf vier Manualen und Pedal sowie 4876 Pfeifen konnte die Metzinger Reisegruppe in einer visuell und musikalisch gleichermaßen eindrucksvollen Stimmung erleben; dabei übernahm Irute Kummer, die Ehefrau des verhinderten Frauenkirchen-Organisten Samuel Kummer den Großteil der Orgelvorführung am Spieltisch.

Der zweite Tag gehörte nach einer sehr informativen, temperament- und humorvoll gestalteten Stadtführung und einem kurzen Orgelkonzert auf der Silbermann-Orgel in der katholischen Hofkirche einer Fahrt nach Reinhardtsgrimma, einem Flecken in der Sächsischen Schweiz, wo sich scheinbar Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber dieser Ort beherbergt nicht nur ein Schloss, in dem ganzjährig viel beachtete Konzerte veranstaltet werden, sondern auch eine Dorfkirche mit einer Silbermann-Orgel aus dem Jahr 1731. Dieses Instrument gehört zu den „schönsten kleineren Orgeln“ von Gottfried Silbermann und entspricht seit der letzten Restaurierung wieder weitgehend dem ursprünglichen Zustand.



Hier konnte jetzt Stephen Blaich allein alle Register seines Könnens und seiner Orgelkenntnisse ausspielen und insbesondere auch viele Fragen der Exkursionsteilnehmer nach der richtigen Art der Registrierung mit konkreten Spielbeispielen beantworten. So wurde dieser Nachmittag in einer kleinen Dorfkirche zum ganz besonderen Erlebnis, dem am Abend mit der Aufführung der 96. Sinfonie von Joseph Haydn und dem Requiem von W. A. Mozart in der Frauenkirche ein Glanzlicht ganz anderer Art folgte. Jetzt konnte erlebt und genossen werden, wie in einem sehr glücklich ausgeleuchteten und gut besuchten Kirchenraum in einer herrlichen Akustik bestens gespielte und gesungene geistliche Musik erklingt.

Sonntags hieß es dann in aller Frühe, aber schon im Sonnenschein eines klaren Frühwintertags, Abschied von der sächsischen Metropole zu nehmen, um rechtzeitig zum Gottesdienst in der Naumburger Marienkirche am Dom zu sein. Nach dem Gottesdienst ging es bei weiterhin sonnigem, aber kaltem Wetter in die Wenzelskirche, die „Ratskirche“ der Stadt Naumburg. Diese spätgotische Kirche wurde im 18. Jahrhundert innen barockisiert und erhielt mit der durch den Silbermann-Schüler Zacharias Hildebrandt erbauten Orgel ein Meisterwerk der barocken Orgelbaukunst. Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Johann Sebastian Bach mit dieser Orgel: Er hatte auf Bitten des Stadtrats von Naumburg ein Gutachten erstellt, in dem er Zacharias Hildebrandt als Erbauer der Orgel empfahl. Nach der Fertigstellung nahmen Bach und Gottfried Silbermann gemeinsam nach gründlicher Prüfung die Orgel mit ihren 53 Registern auf drei Manualen und Pedal ab, und am Ende wurde mit Johann Christoph Altnickol ein Schwiegersohn J. S. Bachs zum ersten Organisten an der neuen Orgel bestellt.

In der Wenzelskirche stellte Organist David Franke zunächst wortreich und danach mit vielen Musikbeispielen von dem hinter dem Orgelprospekt versteckten Spieltisch aus „seine“ Orgel vor, fast durchwegs mit Kompositionen von J. S. Bach, für den diese Orgel regelrecht maßgeschneidert erschien. Dass sich trotzdem nicht alle an dieser Musik erwärmen konnten, sondern mehr und mehr ins Frieren kamen, lag ausschließlich an den niedrigen Temperaturen. So war es kein Wunder, dass dieser Sonntagvormittag zum guten Schluss im Ratskeller bei Glühwein und anderen warmen Getränken genossen wurde, bevor es danach auf die lange Heimreise ging.

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