Geht es im Religionsunterricht an der Förderschule zuweilen auch grob und chaotisch zu, wenn Inger Hermann am Ende der Stunde den Segen Gottes zuspricht, dann wird es mucksmäuschenstill. In den ängstigenden Abgrund von Vernachlässigung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit scheint für einen Augenblick die freundliche Nähe Gottes.

Der Herr segne dich und behüte dich!

Der Wunsch nach Schutz steht im Zentrum des Segens. Für Kinder, die ihr Leben tagtäglich als gefährdet erfahren, spricht sich darin eine große Sehnsucht aus. Dabei wissen sie genau: einen automatischen Schutz vor dem Bösen verleiht der Segen nicht. Segen bewahrt nicht vor allem Leid, aber in allem Leid: "Gott umgibt mich, auch wenn die Bierflaschen fliegen".

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!

"Ich? Ich bin niemand. Ich bin doch Dreck für Sie. Dreck für alle..." Von Kind an ist es das größte Bedürfnis jedes Menschen, wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Annahme zeigt sich uns in den glänzenden Augen der Mutter, im strahlenden Gesicht des Freundes und im wohlwollenden Lächeln der Nachbarin. Das Besondere an Gottes Liebe ist, dass sie nicht von unserem Wohlverhalten abhängt: "Ich denke halt, Gott mag mich immer noch, ob ich Scheiß bau oder nicht..."

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

Was die Bibel "schalom" nennt, gibt die deutsche Übersetzung "Frieden" nur unzureichend wieder. Alle Segenswünsche münden in die eine Hoffnung auf ein erfülltes, glückliches Leben. Diesen Wunsch kennen Kinder auf der Schattenseite des Lebens auch. Aber ihre Erfahrung ist eine andere: "Das Leben ist Angst und Schwierigkeiten. Eigentlich Scheiße." Ihre Hoffnung ist, dass Gott ihre Not sieht und ihnen hilft. Und auch wir unseren Teil dazu beitragen.

Pfarrerin Karin Goetz