Tage oder Zeiten der Umkehr und Buße für das ganze Volk sind schon im Alten Testament überliefert. In Not und Gefahr sollte das ganze Volk Gott anrufen, um die Bedrohung abzuwenden. Voraussetzung dafür war das Erkennen der eigenen Schuld und Unzulänglichkeit, des Angewiesenseins auf die Vergebung Gottes.

Diese Tradition wurde im Christentum und in der reformatorischen Kirche fortgeführt. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde der Mittwoch vor Totensonntag überall als Bußtag eingeführt. 1995 wurde der gesetzliche Feiertag der Finanzierung der Pflegeversicherung geopfert. Das Anliegen des Tages aber ist ebenso alt wie aktuell.

Dieser Tag lädt dazu ein, sich persönlich zu prüfen: wo und wie habe ich mich dem Anspruch Gottes auf mein Leben entzogen? Wo und wie habe ich gemeint, mein Leben ohne Rücksicht auf Gott selbst, auf meine Mitmenschen und auf meine eigene Menschenwürde gestalten zu können? Und er lädt dazu ein, sich von neuem die "frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt" (Barmer Erklärung von 1934) zusprechen zu lassen. Deswegen feiern wir an diesem Tag auch Abendmahlsgottesdienste.

Zugleich hat dieser Tag einen Öffentlichkeitscharakter - erst recht nach seiner Abschaffung als Feiertag. Ein Buß- und Bettag hat auch die Aufgabe, der Welt Gottes Willen und Gebot anzusagen. Er lädt dazu ein, als Gemeinwesen innezuhalten und sich zu prüfen: lassen wir uns in unseren Überzeugungen und Entscheidungen von Gottes (An-) Geboten leiten? Nehmen wir ernst, was er für das Zusammenleben von Menschen und Staaten will? Dabei sollen "Obrigkeit" und "Welt" nicht in geistlicher Überheblichkeit abgekanzelt werden. In gelebter Solidarität kann danach gefragt werden, wo wir Umkehr brauchen, welche Wege uns Gott anbietet, um das Miteinander friedlicher und gerechter zu gestalten.